DGI-Landesverband Berlin-Brandenburg: 18. Jahrestagung im Zeichen der „Grenzbereiche"

 

Presse-Information der DGI vom 07.04.2014

 

Sorgten für einen spannenden Start in den Kongress und viele nachdenklich stimmende Momente, aber auch praxisnahe Tipps im fachlichen Vortragsprogramm: Veranstalter und Referenten beim 18. Jahreskongress des Landesverbandes Berlin-Brandenburg im DGI e.V. Anfang März in Potsdam

Das Kongress-Thema für die 18. Jahrestagung des Landesverbandes Berlin-Brandenburg im DGI e.V. hatte Prof. Dr. Dr. Volker Strunz, Gründungsvorsitzender des Landesverbandes und wissenschaftlicher Leiter der Tagung, bewusst breit angelegt: „Implantologie im Grenzbereich". Mit einem besonders sensiblen Grenzbereich-Aspekt ging er selbst an den Start in den Kongresstag am 8. März in Potsdam: „Wenn wir nicht Mutige gehabt hätten, die uns vormachten, wie das geht: Wie wären wir sonst zu Operationsverfahren gekommen wie Sinusbodenelevation, Augmentationsverfahren oder Bonespreading?" Auch in seiner eigenen implantologischen Vita habe es immer wieder solche herausfordernden Momente gegeben: „Selbst zur Anwendung von Titanimplantaten bedurfte es Mut." Zwar seien im Dreißig-Jahre-Rückblick auf die Entwicklungen in der Implantologie einige Irrwege zu konstatieren, die Kollegenschaft müsse aber „verantwortungsvoll auch weiterdenken und darf nicht beim state-of-the-art stehenbleiben. Nur mit neuen Erkenntnissen bewegt sich die Wissenschaft weiter!"

Dass die Implantologie selbst einmal ein „Grenzbereich" der Zahnheilkunde war – daran erinnerte Dr. Peter Engel, Präsident der Bundeszahnärztekammer, in seinem Grußwort zur Tagung: „Das Gebiet ist aus der Praxis gekommen und wurde anfangs von den Universitäten geradezu verteufelt!" Das Fach habe sich als dynamisch erwiesen und bleibe wohl auf dem Vormarsch, da es von Innovationsfreude und Leistungsbereitschaft angetrieben werde. Allerdings dürfe nicht vergessen werden – und da griff er den Untertitel der Jahrestagung „was geht, was geht noch, was geht nicht mehr" auf: „Der Patient steht im Mittelpunkt – nicht alles, was geht, ist auch für den Patienten sinnvoll."

Eindrucksvoll auf die Kongress-Fragestellung fokussiert griffen die zahlreichen Referenten aus der Führungsetage der Implantologie die thematische Herausforderung auf. Als ein Grenzbereich erwies sich, in vielfältigen Beiträgen, immer wieder die Zeit, Prof. Dr. Dr. Wilfried Wagner/Mainz fasste es so zusammen: „Es soll alles sofort sein. Oder geht's vielleicht noch schneller?" Wie es trotz „sofort" bei einem gut überlegten Protokoll zu nachhaltig erfolgreichen Ergebnissen kommen kann, zeigte Dr. Dr. Roland Streckbein anhand biologischer Abläufe im Gewebe und fasste die sinnvollen Schritte so zusammen: „Sofortimplantation und Socket Preservation und betont linguale Platzierung – vor allem aber: schonende Entfernung!"

Zu Grenzbereichen gehören auch Grenzüberschreitungen – beispielsweise in die Sinusregion. Wenn möglich, sei bei defizitärem Knochenangebot im Oberkiefer ein externer Sinuslift zu vermeiden, empfahl Dr. Dr. habil. Georg Arentovicz/Köln, da das Infektionsrisiko bei diesem Verfahren gegenüber dem internen Vorgehen deutlich erhöht sei. In die gleiche Region schaute auch Professor Wagner und zwar mit der Frage, ob kurze Implantate eine Alternative zum Augmentieren sein könnten: „Das Thema fällt mir schwer, weil ich ständig augmentiere..." Kurze Implantate hätten sich in der Epithetik und der Kieferorthopädie als sinnvoll erwiesen, und auch in der Implantologie seien sie offenbar eine eindrucksvolle Alternative zum Knochenaufbau: „Das kommt uns entgegen, denn die Nachfrage bei den Patienten geht in die Richtung kurze Implantate!"

Defizitärer Knochen führt implantierende Zahnärzte auch heute noch oft an die Grenzen der Vorhersagbarkeit von Therapieerfolgen – das wurde deutlich bei Prof. Dr. Dr. Torsten Reichert/Regensburg, der das freie Knochenblock-Transplantat und seine biologischen Ansprüche in den Fokus stellte: „Das Beckenkammtransplantat ist das ‚Arbeitspferd', wenn wir viel Knochen brauchen!" Man müsse mit rund einem Jahr Einheilzeit rechnen. Sein Tipp an die Kollegen: „Ein Knochenblock braucht Ruhe. Fixieren Sie ihn gut." Auch Prof. Dr. Dr. Frank Hölzle/Aachen sprach das Thema Transplantate an – aber diesmal mit dem Blick auf mikrochirurgisches Vorgehen bei der Kieferrekonstruktion. „Hätte ich den Vortrag vor fünf Jahren halten müssen, wäre er sehr kurz geraten", meinte er: „Es ist spannend zu sehen, was heute geht – und in welche Grenzbereiche man dabei vorstoßen kann!" Am Beispiel eines Patienten mit ausgeprägter Bisphosphonat-Schädigung zeigte er eine Rekonstruktionsplanung, bei der digitalisierte Knochendefekt-Daten plastisch die ideal passende Transplantat-Entnahmestelle am Becken darstellten: „Das verkürzt die OP-Zeit, und das wiederum verbessert den Erhalt der Vitalität." Das Verfahren sei bereits state-of-th-art. das Thema „noch mehr Zeit sparen" dagegen Zukunftsaufgabe: Geprüft wird, ob man nicht vielleicht schon bei der Knochenentnahme den Platz für die geplanten Implantate vorbereiten könnte – alles unter mikrochirurgischem Gefäßanschluss.

Auf „Grenzbereiche" rund um das Weichgewebe blickte dagegen Prof. Dr. Frank Schwarz/Düsseldorf mit Fokus auf „Komplikationsmanagement" und Alternativen zu autologem Weichgewebstransplantat. Derzeit spielten sich am Markt Collagene Matrix-Produkte nach vorne, die – ersten Daten zufolge – interessante Perspektiven zeigten, auch wenn nicht alle dieser Produkte zu den gleichen gewünschten biologischen Ergebnissen führten. Das Ersatzmaterial für Weichgewebe sei noch im Entwicklungsstadium. Auch im Bereich der prothetischen Rehabilitation habe sich viel getan, berichtete Dr. Eleonore Behrens/Kiel – sowohl auf Seiten des Angebotes durch die Hersteller als auch auf Seiten der anspruchsvoller werdenden Patienten. Grenzen setze nicht selten deren Allgemeinzustand: „Die Hauptaltersklasse unserer Implantatpatienten liegt bei 50 - 70 Jahre – da stehen viele von ihnen bereits unter Dauermedikation." Nicht zuletzt im Hinblick auf verschiedene Konzepte wie „all on four" oder andere gelte: „Wir müssen in jedem Einzelfall entscheiden: Was geht bei unserem Patienten noch – und was nicht mehr?"

Einen schönen Sidekick zum Tagungsthema „Grenzbereiche" lieferte Prof. Dr. Dr. Alexander Hemprich/Leipzig: „Dazu gehören auch Landesgrenzen. Wie stehen wir beispielsweise zu Implantaten aus Polen und der grenzüberschreitenden Behandlung?" Ein auch ethisch relevanter, aber selten diskutierter Aspekt: „Ein Grenzbereich ist auch die psychosoziale Situation des Patienten", sagte Professor Hemprich, und stellte die provokante Frage: „Darf man psychisch auffälligen Patienten Implantate verweigern?"

Für das anregende Programm gab es anhaltenden Beifall – und Dank seitens der Referenten und Teilnehmer an Professor Strunz als scheidendem Landesverbands-Vorsitzenden und wissenschaftlichem Leiter von nunmehr 18 Kongressen in Berlin und Brandenburg, für, wie es Professor Schwarz formulierte, „die vielen Jahre großartiger Organisation!"