Lange Jahre war die Zahnärzteschaft unzufrieden mit der zahnmedizinischen Versorgung von pflegebedürftigen Menschen mit Behinderungen. Wie so oft, stand die Bürokratie und Gesetzeslage einem vereinfachten Verfahren im Weg, sich zahnärztlich um die besonderen Bedürfnisse dieser Patientengruppe zu kümmern. Nun zeigen sich motivierende Entwicklungen, wie die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) mitteilte. Schon im Jahr 2018 hatte sie durchsetzen können, dass die Krankenkassen spezielle Leistungen für Pflegebedürftige übernehmen müssen. Insbesondere Vorsorgeleistungen spielen dabei eine große Rolle, aber auch die Einbindung von Pflegepersonen und Angehörigen in die Ausübung der Mundpflege. Nun hat die KZBV die aktuelle Situation erfasst und festgestellt, dass die Inanspruchnahme dieses Angebotes deutlich steigt. Eine gute Mundhygiene sei gerade für diese Menschen, die sich oft nicht selbst helfen können, enorm wichtig, weil das Risiko für Karies oder Mundschleimhauterkrankungen sowie Parodontitis entsprechend erheblich erhöht ist. Mit über 1 Million aufsuchender zahnärztlicher Kontroll- und Behandlungsterminen bei Pflegebedürftigen lag die Zahl in 2024 um 10 % über der des Vorjahres und erheblich über denen der zurückliegenden Jahre. Die KZBV will, so die Erklärung, diese besonders vulnerable Patientengruppe weiter im Blick behalten und die Einsatzmöglichkeiten über die Pflegeeinrichtungen hinaus auch auf Behinderteneinrichtungen ausweiten – und hofft, den Gesetzgeber dafür zu gewinnen.
Wurzelkanalbehandlung: Einfluss auf Herzgesundheit
Dass es enge Verbindungen gibt zwischen Entzündungen in Mund und Herzinfektionen, ist inzwischen bekannt und führt auch immer wieder zu gemeinsamen Empfehlungen der Kardiologischen und der Zahnmedizinischen Wissenschaft. Im Blickpunkt dabei stand bisher auf Seiten der Zahnärzte die Parodontitis, die Zahnbett-Entzündung. Mittlerweile rückt ein weiteres zahnmedizinisches Thema in den Fokus: Zahnwurzelentzündungen. In diesem Fall befindet sich der Entzündungsbereich nicht im Übergangsbereich von Zahn und Zahnfleisch, sondern tief im Kieferknochen an der Zahnwurzel. Eine Entzündung im Zahnwurzelbereich führt, ebenso wie bei einer Parodontitis, zu einer erheblichen Konzentration von Entzündungsmarkern im Blut. Das kann zu Gefäßverengungen führen, die ein hohes Risiko für die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen darstellen. Daher haben jetzt die Dachgesellschaft der deutschen zahnmedizinischen Wissenschaft (DGZMK) und die Fachgesellschaft für Endodontie DGET (Endodontie = Behandlung des Zahninneren und der Wurzel) eine Empfehlung herausgegeben, die über die Relevanz einer Zahnwurzelbehandlung als Risikominimierung für gefährliche Herzerkrankungen aufklärt. Studien zufolge führt eine erfolgreiche (die Entzündung beseitigende) Wurzelbehandlung zu einem Absinken des Risikos für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung um bis zu 84 % im Vergleich zur Nichtbehandlung einer Zahnwurzelentzündung.
Vegetarier: Ernährung unserer Vorfahren
Üblicherweise geistert durch die Vorstellungen von der Geschichte der Menschheit das Bild vom Jäger und Sammler, der zur Freude seines Stammes einen erlegten Büffel heimbringt. Das Bild muss teilweise korrigiert werden, ergab nun eine Mainzer Forschungsarbeit in Zusammenarbeit mit südafrikanischen Kollegen. Eine Untersuchung fossiler Zähne per Isotopenmessung hat gezeigt, dass Vormenschen vor rund dreieinhalb Millionen Jahren im Süden Afrikas (gemeint ist hier der sogenannte Australopithecus) gar kein oder nur sehr wenig Fleisch im Ernährungsalltag hatten. Man ernährte sich also vegetarisch. Bisher ist nicht bekannt, ab wann Fleisch eine größere Rolle in der Ernährung eingenommen hat – und ab wann sich somit als Folge einer proteinreicheren Ernährung ein größeres Gehirnvolumen und mehr technische Fähigkeiten entwickelten. Wer dennoch an seinem Bild vom Jäger mit Büffel festhalten möchte, kann dies gern tun: Eine andere Gruppe aus dem Kreis der Vormenschen tat dies tatsächlich: die Neandertaler. Nur lebten sie viel später, vor rund 400.000 Jahren im nordöstlichen Teil der Weltkugel, und vor rund 40.000 Jahren starben sie aus. Vegetarisches Leben ist also keine Erfindung der Neuzeit, sondern genaugenommen die Ernährung unserer ältesten Vorfahren.
Aufgepolsterte Lippen: riskant
Der Modetrend „aufgepolsterte Lippen“ hat seine gesundheitlichen Schattenseiten, darauf weisen Verbraucherschützer hin. Insbesondere sogenannte Lip-Plumper, die ohne Unterspritzung für einen Schmollmund sorgen sollen, könnten Inhaltsstoffe enthalten, die das Erbgut schädigen und das Krebsrisiko erhöhen. Die österreichische „Konsumenteninformation“ warnt vor verschiedenen Inhaltsstoffen wie Titandioxid, Polybutene, Paraffin, Cera Microcristallina und weiteren riskanten Stoffen und rät grundsätzlich von Lip-Plumpern auf Mineralölbasis ab. Die aufplusternde Wirkung bei diesen aufgetragenen Produkten basiert auf der gesteigerten Durchblutung, die von reizauslösenden Wirkstoffen wie Menthol, Chile, Ingwer und ähnlichen ausgeht. Damit untermauert die österreichische Verbraucherschutzorganisation nun kritische Warnungen von Stiftung Warentest vom Oktober 2024. Bei diesem Test fielen 8 Produkte sofort durch aufgrund ihres Gehaltes an Titandioxid. Nur 2 Produkte erhielten, aufgrund unbedenklicher Zusammensetzung, das Go seitens des Test-Teams. Wer voller wirkende Lippen wolle, könne auch zu Lipgloss greifen, so der Fachverband der Kosmetikindustrie, und sich gesundheitliche Risiken ersparen.
Fluoride: Diskussion aus den USA
Die Deutsche Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde (DGKiZ) stellt fest, dass „die in den USA entbrannte Debatte um die Trinkwasserfluoridierung den Weg nach Deutschland findet – obwohl Trinkwasser hierzulande gar nicht fluoridiert wird.“ Sie warnt vor falschen Schlüssen. In den vergangenen Jahren habe es Studien gegeben, die nachzuweisen versucht hätten, dass Trinkwasserfluoridierung nachteilige Folgen für die gesundheitliche Entwicklung bei Kindern habe – wissenschaftlich bestätigt sei dies in keinem Fall, zudem durch Medienberichte in der Dateninterpretation auch verzerrt worden. Beispielsweise stammten rund dreiviertel aller herangezogenen Studien aus China, aus Gebieten mit sehr hoher natürlicher Fluoridkonzentration im Trinkwasser, zudem wurden auch Elemente wie Arsen dort gefunden. Die in China gefundenen Fluoridkonzentrationen seien in Deutschland unrealistisch und weder durch Tablettenaufnahme noch lokales Auftragen zu erreichen. In Deutschland gibt es einen Grenzwert laut Trinkwasserverordnung von 1,5 mg Fluorid pro Liter, fast überall in Deutschland läge der tatsächliche Anteil bei 0,3 %. Studien aus Ländern, die mit der deutschen Trinkwasser-Situation vergleichbar seien, hätten keinerlei Zusammenhänge von Fluoridgehalt im Trinkwasser und Entwicklungsstörungen bei Kindern gezeigt. Die Fluoridierung bleibt ein wichtiges, anerkanntes und bestätigtes Verfahren zum Schutz der Zähne vor säurebedingter Zerstörung.
Amalgamverbot: Infos für Patienten
Seit Beginn des Jahres ist aufgrund eines EU-Beschlusses Amalgam als Zahnfüllungsmaterial verboten – und zwar aus umweltpolitischen, nicht aus gesundheitlichen Gründen. Das Verbot hat in den Praxen zu vielen Diskussionen geführt, zumal es Ausnahmen vom Verbot geben kann, deshalb haben die zuständigen wissenschaftlichen zahnmedizinischen Fachgesellschaften nun eine ausführliche Antwort-Liste auf die meisten Fragen von Patienten zusammengestellt. Beispielsweise unter DGZ-online.de (DGZ bedeutet Deutsche Gesellschaft für Zahnerhaltung) finden sich Hinweise zur vermuteten Gesundheitsgefahr bestehender Amalgamfüllungen: „Intakte Amalgamfüllungen stellen für die Allgemeinbevölkerung kein Gesundheitsrisiko dar und sollten nicht prophylaktisch entfernt werden…“ In der Patienteninformation geht es zudem um die heute marktüblichen alternativen Zahnfüllungsmaterialien und -verfahren, die mit ihren spezifischen Eigenschaften vorgestellt werden – verbunden mit dem Hinweis, dass eben diese Eigenschaften auch unterschiedliche Einsatzbereiche mit sich bringen. Dazu kommen Informationen, welche Zahnfüllungen von der Krankenkasse voll bezahlt werden und welche andere Zuzahlungen erfordern. Warum das so ist, wird ebenfalls erklärt: Die Verarbeitung zahnfarbener Kompositmaterialien ist „deutlich aufwändiger und technikintensiver, so dass sie nicht komplett von den Krankenkassen übernommen werden.“
Schlaganfall: Zahnseide reduziert Risiko
Ein Schlaganfall wird, vereinfacht gesagt, durch Blutgerinnsel ausgelöst, die Gefäße im Gehirn verstopfen. Insofern ist es richtig gedacht, die Entstehung von Blutgerinnseln möglichst zu unterbinden. Ein Ort im Körper, wo sich der Ausgangspunkt für solche Blutklümpchen bilden kann, ist der Mund. Dass es enge Verbindungen von Mundgesundheit, Mundhygiene und Allgemeingesundheit gibt, ist inzwischen weit verbreitetes Wissen – insofern ist auch der Zusammenhang mit Schlaganfall-Risiken nicht überraschend. Spannend ist es dennoch, genauer hinzuschauen, warum das so ist und was hier eine wichtige Rolle spielt. Daher hat sich eine Wissenschaftlergruppe speziell der Rolle der Zahnseide bei der Mundhygiene angenommen – und das klare Ergebnis hat sie überrascht. Demnach führt die regelmäßige und sachgerechte Anwendung von Zahnseide bei der täglichen Mundpflege zu deutlich besserer Mundgesundheit und mindert erheblich das Risiko für Zahnbettinfektionen. Das wiederum vermindert die Gefahr, dass Keim-belastetes Blut aus dem Mundbereich durch den Körper fließt. Die Folge dieses Plus an Mundsauberkeit: Um rund 22 % sank das Risiko für einen ischämischen Schlaganfall (absterbendes Hirngewebe aufgrund Gefäß-Verstopfung). Zudem, und damit hatte das Wissenschaftlerteam nicht gerechnet, sank das Risiko für einen kardioembolischen Schlaganfall sogar um 44 % – also für einen Schlaganfall, der aus dem Herzen kommt: Anlass sind in der Regel Herzrhythmusstörungen. Das Risiko für Vorhofflimmern sank um 12 %. Die bisherigen Ergebnisse (die Studie läuft noch) machen deutlich, welch großen Einfluss Mundhygiene und hier besonders der Reinigungsfaktor der Zahnseide auf die Allgemeingesundheit und das Leben hat.
Schmerzempfindlichkeit: demnächst messbar
Aus verschiedenen Gründen sind verschiedene Menschen verschieden schmerzempfindlich: Was jeder aus seinem persönlichen Umfeld kennt, spielt in der Zahnarztpraxis eine besondere Rolle. Ziel des Behandlungsteams ist es ja, die anstehenden Maßnahmen so schmerzarm wie möglich zu machen – und hier ist es gut, vorher zu wissen, ob der Patient ganz besonders schmerzsensibel ist oder eher nicht. Wenn die Forschungsergebnisse eines internationalen Wissenschaftlerteams Praxisreife erlangt haben, wird das vor der Schmerzbehandlung messbar sein: Sie haben zwei Biomarker entdeckt, die entsprechend Auskunft über die Empfindlichkeit geben. Studienobjekt war die Kaumuskulatur und das Kiefergelenk. Teilgenommen haben rund 150 Australier im Alter zwischen 18 und 44 Jahren. Im Ergebnis zeigte sich, dass es insbesondere bei langanhaltenden Schmerzen Signale des Körpers gibt, die unterschiedlich ausfallen, was das Schmerzempfinden betrifft. Auch deutet sich an, bei welchen Personen ein Schmerz zum Chronifizieren neigt. Für die Zahnbehandlung kann das in Zukunft bedeuten, dass Patienten und Praxisteams die Schmerz-Reaktion besser einschätzen und entsprechend vorgehen können.
Zähneknirschen bei Männern: Masseter wächst mehr
Der Masseter ist ein Muskel im Gesicht, der für das Kauen zuständig ist. Man spürt ihn, wenn man beim Kauen die Region rechts und links vom Mund abtastet. Wie jeder andere Muskel auch, wird er trainiert durch Nutzung: Jedes Essen beispielsweise gibt ihm Impulse, dass er gebraucht wird und weiter aktiv bleiben muss. Würde man nicht mehr oder kaum noch kauen, würde er vermutlich schrumpfen wie alle anderen unterforderten Muskeln auch. Aber auch das Gegenteil stimmt mit der allgemeinen Muskulatur überein: Wird der Masseter über das übliche Maß hinaus „trainiert“, wächst er mehr als von der Natur vorgesehen. Damit kann er zu einem gesichtsprägenden Bereich werden. Eine solche Überbeanspruchung ist gegeben bei intensivem und sehr häufigem Kaugummi-Kauen, aber auch bei Zähneknischen und Kieferpressen, häufige Begleiterscheinungen bei Stress. Wie eine neue Studie aus der Greifswalder Universität nun zeigt, erleben vor allem knirschende Männer, dass ihr Kaumuskel größer und deutlicher sichtbar wird, bei Frauen, die die größere Gruppe unter den Knirschern bilden, zeigen sich solche Folgen kaum. Das stärkere Masseter-Wachstum bei Männern könnte mit dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron in Verbindung stehen, das Muskelbewegungen intensiviert. Zudem gibt es leichte Unterschiede im Aufbau der Masseter-Muskulatur bei Männern und Frauen. Solcherart Beobachtungen lassen derzeit noch keine nutzbaren Schlüsse auf Vorsorge- und Behandlungsverfahren zu, geben aber einen Impuls an die Wissenschaft, sich vertiefter mit diesen Beobachtungen zu befassen.
Mundgesundheit: Frauen im Blickpunkt
Einer der größten internationalen zahnmedizinischen Kongresse, die „Europerio“, widmet sich bei der bevorstehenden Veranstaltung im Mai 2025 weit überwiegend den spezifischen Problemen und Herausforderungen bei zahnmedizinischer Vorsorge und Behandlung weiblicher Patienten. Was bei einem früheren Kongress noch ein Unterthema war, wird damit nunmehr zum Kongressschwerpunkt. Anlass dafür liefert die zahnmedizinische Wissenschaft, die geschlechterspezifische Aspekte seit einigen Jahren vermehrt bei Studien berücksichtigt und dabei eine Vielzahl an Erkenntnissen gewonnen hat, die mehr noch als bisher berücksichtigt werden müssen. Stichworte sind Menopause, Schwangerschaft, Stillzeit, Menstruation und weitere – nicht nur hormonelle – weibliche biologische und soziale Aspekte. Bekannt sind beispielsweise Schwangerschafts-Gingivitiden (Zahnfleischentzündungen), Zusammenhänge von Parodontitis (Zahnbettentzündung) und Frühgeburten sowie Untergewichtsrisiken des Babys, und auch das veränderte Mikrobiom (Gesamtheit der Mikroorganismen im Körper) spielt eine vielfältige Rolle bei der weiblichen Gesundheit. Handlungsbedarf sehen die Wissenschaftler des Europerio-Teams nicht zuletzt bei einer intensiveren Zusammenarbeit zwischen Zahnärzten und Fachbereichen aus der Medizin, nicht nur mit Blick auf Gynäkologie, und bei mehr interdisziplinärer Forschung auf diesem Gebiet. Ein großes Gewicht in Zahnmedizin und Medizin haben fachliche Leitlinien: Es ist daher bemerkenswert, dass die Veranstalter mit dem Kreis der wissenschaftlichen Fachgesellschaften auch für den Bereich Frauen und Mundgesundheit solche Leitlinien andenken damit auch in den Praxen zu noch mehr Anwendungswissen bei geschlechterspezifischer Prophylaxe und Therapie führen können.










