Zunge: Indikator von Erkrankungen

Am bekanntesten ist sicher die „Erdbeerzunge“, mancherorts auch Himbeerzunge genannt: Sie zeigt an, dass der kleine Patient vermutlich Scharlach hat. Diese hoch ansteckende Infektionskrankheit wird durch Streptokokken ausgelöst, kugelförmige Bakterien. Sie belasten auch die Zunge, die sich entzündet und daher rot färbt. Die Zunge kann im Alltag durchaus leicht ihre Farbe verändern, ohne dass die Ursache relevant für die Gesundheit ist, zumal wenn die Farbänderung ein eher rasch vorübergehendes Ereignis ist. Manche Veränderung fällt dem Menschen selbst auch kaum auf, berichtet eine zahnärztliche Zeitung in einem Fachartikel, für zahnmedizinische Experten ist die Zunge aber oft ein Lesebuch. Pelzige helle Auflagerungen sprechen für möglichen Mundsoor, ausgelöst durch Hefepilze – und damit wiederum möglicherweise für eine angeborene Abwehrschwäche des Immunsystems. Gelblich können Verfärbungen aussehen, die bei Leberschäden und Vergiftungen entstehen. Die klassische Grippe (Influenza, also nicht die normale Erkältung) zeigt sich mit einer dicken Belagschicht auf der Zunge, spezielle weiße Verfärbungen können auf ein Problem mit der Bauchspeicheldrüse hinweisen. Hat der Mensch Probleme mit seinem Magen, kann das an einer schwachgrau wirkenden Zunge ablesbar sein. Ernst wird es, so der Fachbeitrag, wenn die Zunge dunkel oder blau wird: Dann sollte sofort ein Arzt aufgesucht werden, da es sich um lebensbedrohliche Entwicklungen handeln könnte.

Unerfüllter Kinderwunsch: Parodontitis im Blick

Die Belastungen der entzündlichen Zahnbetterkrankung Parodontitis für die Allgemeingesundheit sind inzwischen bekannt: Über die Blutbahn gelangen krankmachende Bakterien aus dem Mund in den gesamten Organismus. Wird die Parodontitis nicht behandelt, entwickelt sich im Körper eine chronische schleichende Entzündung, die auch Auswirkungen auf das Immunsystem hat. Wie Wissenschaftler an der Universität in Jerusalem nun bei einer Studie an einem Mausmodell feststellten, ist auch die ovarielle Funktion betroffen. Die Entzündung führte zu Stress im Gewebe, beeinträchtigte die Entwicklung der Follikel und die Qualität der Eizellen sank. Die Wissenschaftler stellten zudem eine verringerte Rate an Lebendgeburten fest und registrierten DNA-Schäden. Bisher liegen nur Laborergebnissen bei Tierversuchen vor, die nicht übertragbar sind auf den Menschen. Das Ergebnis lässt aber erwarten, dass die gefundenen Auswirkungen von Mundinfektionen auf diesen speziellen Aspekt der Allgemeingesundheit weiter untersucht und genauer geprüft werden.

Zahnbehandlung: Neandertaler im Blick

Vor vielen Jahrtausenden lebten im heutigen Europa und Asien die sogenannten Neandertaler, die zunehmend in den Blick der Wissenschaft geraten, weil man immer mehr Nachweise dafür findet, wie entwickelt sie waren und welche Techniken sie anwandten. Aktuell geht es dabei um eine offensichtliche Kariesbehandlung vor fast 60.000 Jahren. Höhlenforscher fanden in Sibirien einen Backenzahn, der offenbar gezielt bearbeitet wurde. Während anderes Gesundheitsverhalten wie Krankenpflege oder Nutzung von Kräutern auch instinktives Verhalten sein könnte, ist der aktuelle Fund ein klarer Hinweis darauf, dass hier gezielt vorgegangen wurde. Während man beim ersten Zahn-Fund noch rätselte, ob das tatsächlich eine bewusste Behandlung war, fand sich bald darauf ein zweiter vergleichbar behandelter Zahn bei einem anderen Neandertaler aus der gleichen Höhle. Die im Labor des Universitätsinstitutes erfassten Spuren an diesen Zähnen, die eindeutig für Zahnstocher-Nutzung sowie die Nutzung eines Steinbohrers sprachen, lassen die Vermutung zu, dass eine Art Wurzelbehandlung erfolgte: Möglicherweise hatte der „Patient“ Zahnschmerzen und eine Entzündung im Zahn, die durch Öffnen, möglicherweise Reinigung und Kontakt mit der Luft behandelt wurde. Faszinierend fanden die Wissenschaftler, dass der Zusammenhang von Schmerz und Zahn erfasst worden ist und intuitiv das richtige Vorgehen angewandt wurde. Ob es auch eine Zahnfüllung nach der Zahnöffnung gab, soll jetzt überprüft werden.

Mundgesundheit: Mach mal Pause

Der Zusammenhang von Ernährung und Mundgesundheit ist grundsätzlich vermutlich allen erwachsenen Menschen hierzulande bewusst – nicht immer aber, wie man dieses Wissen mit dem eigenen Alltagsleben verbindet. Der Mundgesundheits-Informationsdienst proDente hat entsprechend kürzlich einen Punkt festgehalten, der – auch in kleinen Schritten – schon weiterführend sein kann: Ständiges Snacken und immer wieder an Saft, Limo oder anderen zucker- und säurehaltigen Getränke zu nippen solle möglichst unterlassen werden, weil es den Mund unter Dauerstress setze, so Dr. Romy Ermler, Präsidentin der Bundeszahnärztekammer. Der Speichel habe keine Chance, die Säuren im Mund zu neutralisieren und damit die Gefahr für Zahnschmelzschäden zu reduzieren. Ess- und Trinkpausen von drei bis vier Stunden seien gut für die Regeneration von Zähnen und Zahnfleisch. Ungünstig ist es, gleich nach Süßem oder Saurem die Zähne zu putzen, weil sie sich rau und vielleicht belegt anfühlen: Vorrübergehend sei der Zahnschmelz empfindlicher, da angegriffen – nach rund 30 Minuten habe sich dank Speichelwirkung der schützende Zahnschmelz wieder regeneriert, dann sei Zähneputzen wieder gut möglich. Hilfreich sei zudem das sorgsame Ausspülen des Mundes oder auch Wasser trinken. Über klare Essenszeiten und das Weglassen von Zwischenmahlzeiten, Snacks und Naschereien freue sich auch die Allgemeingesundheit.

Weltzahnärztekammer: mehr Mundgesundheit am Arbeitsplatz

Die Mundgesundheit am Arbeitsplatz werde vernachlässigt, stellte im Mai der Weltverband der Zahnärzteschaft, die FDI/Fédération Dentaire Internationale, fest – dabei gebe es hier enormes Potential, die Mundgesundheit der Bevölkerung durch Prävention zu verbessern, die Produktivität der Belegschaft und auch ihr Wohlbefinden zu steigern. Arbeits-Ausfälle, auch finanzielle, aufgrund von Munderkrankungen führten insgesamt zu einer hohen Belastung der Unternehmen und Institutionen – und bei den betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern selbst. Vereinzelt gebe es bereits Länder, so die FDI, die Mundgesundheitsförderung am Arbeitsplatz als wichtig erachten und ansatzweise umzusetzen versuchen. Mit Blick auf die globale Strategie und den Aktionsplan für Mundgesundheit 2023 – 2030 der Weltgesundheitsorganisation WHO sollten Konzepte zur Förderung der Mundgesundheit am Arbeitsplatz mehr realisiert werden. Geeignet seien dafür die betrieblichen Gesundheitsdienste, die auch einen gerechteren Zugang zu grundlegenden Mundgesundheitsleistungen gewährleisten könnten. Da Erwachsene rund ein Drittel ihrer Lebenszeit am Arbeitsplatz verbringen, böten diese Angebote eine einzigartige Gelegenheit, Bevölkerungsgruppen zu erreichen, die hinsichtlich Prävention oft unterversorgt seien.

Sportmundschutz: Mehr als Zahnschutz

Der Mundgesundheits-Informationsdienst proDente machte kürzlich darauf aufmerksam, dass jeder dritte Unfall, der zu Verletzungen rund um den Mund und im Gesicht führt, beim Sport passiert. Insbesondere Freizeitsportler, aber auch Kinder und Jugendliche erleben solche Verletzungen, die häufig langfristige Schäden nach sich ziehen. Nach wie vor sei individuell gefertigter Sport-Mundschutz nicht so etabliert wie Helme oder Schienbein-Schoner. Es habe für Aufmerksamkeit gesorgt, dass im Jahr 2010 Christiano Ronaldo mit Sportmundschutz aufs Fußballfeld aufgelaufen sei – aber nicht dazu beigetragen, dass solcher Schutz fortan zur Selbstverständlichkeit wurde. Auch die Vermutung, er sei leistungsverbessernd, hatte nicht viel Bewegung ins Thema gebracht. Etabliert hat sich mittlerweile aber das Fachgebiet Sportzahnmedizin, das im Bereich Vorbeugung, Leistung und Schutz von Zahn- und Munderkrankungen wirkt. In der Tat können individualisierte Schienen Leistungseinschränkungen durch Fehlfunktionen von Zähnen und Kiefer entgegenarbeiten. Bei Kontaktsportarten, die besonders verletzungs-riskant sind, kann ein angepasster Mundschutz Stöße abfedern und damit sogar das Risiko für Gehirnerschütterungen reduzieren, er kann Zähne und Kiefer schützen, ebenso Zunge, Lippen und Weichteile: Das bestätigt die wissenschaftliche Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. Die Dachgesellschaft der zahnmedizinischen Wissenschaft in Deutschland empfiehlt daher Sportmundschutz beispielsweise bei Fußball, Handball, Hockey, bei Mountainbiking und Skateboarding. Die Initiative proDente weist dabei auf einen Qualitätsaspekt hin: Richtig guten Schutz bietet vor allem Sportmundschutz, der individualisiert im Dentallabor hergestellt und angepasst wird.

Neuer Gedanke: Gingivagewebe „füllen“

Bei entzündetem Zahnfleisch (Gingivitis) wird das Weichgewebe um den Zahn „poröser“, weil die Infektion die stützende Zellstruktur im Zahnfleisches zerstört. Ist der Prozess erst einmal gestartet, ist er kaum zu stoppen: Die Entzündung kann durch weiches Gewebe leichter wandern als durch festes und straffes. An diesem Punkt setzt eine Arbeit US-amerikanischer Wissenschaftler an: Was wäre also, wenn man das weiche, in seiner Haltestruktur zerstörte Gewebe wieder festigt? Zuerst testeten sie ein Wackelpudding-artiges Gel, das sich in den Mix aus restlichen festen Zellen und schon aufgeweichten Zellen gut einarbeiten ließ. Das Gel verstärkte die Lockerung der Zellstruktur – und die Infektion schritt voran. Das zeigte: Der Gewebezustand ist relevant für das Voranschreiten der Infektion. Wenn dem so ist, dachten die Wissenschaftler, müsste der umgekehrte Weg, das Gewebe fester zu machen, die Entzündungsspirale eigentlich stoppen. In Gewebeproben wurde Enzyme eingearbeitet, die für mehr Steifigkeit sorgten. Sie wurden mit krankmachenden Bakterien zusammengebracht – und in der Tat konnte sich das festere Gewebe besser gegen die bakteriellen Angriffe verteidigen. In weiteren Versuchen und Entwicklungen wird an einem Füllstoff gearbeitet, der die Therapie der Parodontitis verbessern und die Heilung des entzündeten Bereiches fördern könnte.

Periimplantitis: Warum versagen Antibiotika?

Um zu verstehen, warum Antibiotika in manchen Fällen wenig oder gar nicht wirken, muss man sich erst einmal vorstellen, wie sie funktionieren. Die Wirkstoffe müssen zuerst einmal an den Ort kommen, wo der Infekt sitzt. Da die antibiotischen Wirkstoffe über die Blutbahn durch den Körper wandern, ist es zwingend, dass der infizierte Bereich gut an die Blutversorgung angeschlossen ist. Ist das nicht der Fall, ist die antientzündliche Wirkung vor Ort schwer erreichbar. Bei Periimplantitis ist dies so: Die gefährlichen Keime sitzen vor allem auf der rauen Oberfläche des Titan-Implantates, also nicht (oder nur wenig) im durchbluteten Gewebe. Da diese bakteriellen Beläge auf der Implantatoberfläche also weitgehend vor Zerstörung geschützt sind und sich dort zudem ein von Luft fast abgeschlossener Raum befindet, bildet sich nicht selten auch ein besonders resistentes Bakteriengemisch. Hinzu kommt eine neue Erkenntnis einer US-amerikanischen Wissenschaftler-Gruppe: Die Bakterien lösen aus dem Implantat winzige Titan-Partikel heraus, die die Immunabwehr stören. Die Fresszellen (Makrophagen) werden behindert, die Entzündung zu bekämpfen. Das ist gut, damit der Fremdkörper Implantat nicht abgestoßen wird. Das ist ungünstig, wenn kraftvolle Makrophagen gebraucht werden, um die örtliche Entzündung abzubauen und Knochenabbau zu verhindern. In einem Maus-Modell im Labor haben die Forscher einen Weg gefunden, die Makrophagen zu so behandeln, dass sie das Implantat nicht abstoßen, aber den gefährlichen Biofilm bekämpfen. Damit ist ein Weg für weitere Studien geöffnet, die dem Immunsystem mehr Chancen zur Heilung von Periimplantitis eröffnen könnten.

Pulpa: Alter reduziert Regeneration

Wenn Karies den Zahnschmelz zerstört und nicht gebremst oder beseitigt wird, gelangen die Karies-Bakterienkulturen über die von ihnen fortgesetzte Auflösung des Zahnhatzgewebes immer tiefer in das Zahninnere – bis in die Pulpa. Hier liegen der Zahn-Nerv, Blutgefäße und Bindegewebe dicht beieinander. Das ist der Lebensbereich des Zahnes. Wird die die Blutverbindung zum Körper gestoppt, beispielsweise nach einer Entzündung und Gewebezerstörung, stirbt der Zahn ab. Karies muss rechtzeitig entfernt werden, damit die erkrankte Pulpa sich regenerieren kann. Bei gleich zwei Aspekten spielt dabei das Alter der Patienten eine Rolle: In höherem Alter liegt mehr „Zahnbein“ frei, also das weichere und empfindlichere Zahnmaterial, das in jüngeren Jahren von Zahnschmelz und Zahnfleisch abgedeckt und geschützt ist. Das Risiko für eine Wurzelkaries steigt. Ist die Zahnoberfläche schon angegriffen und wandert die Zerstörung bereits in das Zahninnere, kommt hinzu, dass im Alter das Pulpa-Gewebe auch noch schlechter regeneriert. Chinesische Wissenschaftler haben jetzt an einem Mausmodell getestet, woran das liegt. Eine bestimmte Form von Pulpa-Stammzellen, die in jungen Jahren die Neubildung von Zellen voranbringt, verliert im Laufe der Jahre ihre Kraft für diese Aufgabe. Im Labor-Versuch an den Mäusen zeigte sich, dass dem entgegengewirkt werden könnte: Spezifische Wirkstoffe konnten die Kraft der Stammzellen und die Regeneration der Pulpa verbessern. Ein spannender Gedanke, der allerdings noch in vertiefenden weiteren Studien überdacht und hinsichtlich Praxistauglichkeit geprüft werden muss.

Periimplantitis: Adipositas als Risiko

Noch immer fällt es vielen Menschen schwer, Adipositas nicht nur als unerfreulichen Zustand zu sehen, sondern als Erkrankung, die einer Behandlung bedarf. Dabei zeigt eine Vielzahl an Studien, welchen Einfluss das Übergewicht auf den ganzen Körper hat: Das Fettgewebe wird längst als eine Art Körper-Organ verstanden, das nach eigenen Regeln funktioniert und mit dem Körper über unterschiedliche Stoffwechselprozesse interagiert. Zu den gefährlichsten Folgen dieses „Fettgewebe-Organs“ gehört die Infektion des Körpers mit entzündungsfördernden Stoffen. Viele adipöse Menschen leben insofern mit einer niedrig-gradigen Dauerentzündung, die die Leistungskraft des Immunsystems reduziert. Am Beispiel der Periimplantitis hat das ein US-Forscher-Team gerade eindrücklich aufgezeigt: Über 300 Patientinnen und Patienten mit frisch eingesetzten Zahnimplantaten wurden fünf Jahre lang mit Nachuntersuchungen begleitet, um zu sehen, wer von ihnen in diesem Zeitraum eine Periimplantitis entwickelt, also eine Entzündung des Zahnbettes rund um das Implantat. Das Ergebnis war mehr als eindeutig: Implantat-Patienten mit Adipositas (andere Belastungen wurden ausgeschlossen) hatten ein um über 50 Prozent erhöhtes Risiko für eine bakterielle Infektion des Gewebes rund um das Implantat. Bei Zahn-Implantationen sollten, so die Wissenschaftler, adipöse Patienten im Vorfeld einer Implantat-Behandlung entsprechend aufgeklärt und nach der Implantation intensiver in präventive Maßnahmen einbezogen werden.