Der Mundgesundheits-Informationsdienst proDente machte kürzlich darauf aufmerksam, dass jeder dritte Unfall, der zu Verletzungen rund um den Mund und im Gesicht führt, beim Sport passiert. Insbesondere Freizeitsportler, aber auch Kinder und Jugendliche erleben solche Verletzungen, die häufig langfristige Schäden nach sich ziehen. Nach wie vor sei individuell gefertigter Sport-Mundschutz nicht so etabliert wie Helme oder Schienbein-Schoner. Es habe für Aufmerksamkeit gesorgt, dass im Jahr 2010 Christiano Ronaldo mit Sportmundschutz aufs Fußballfeld aufgelaufen sei – aber nicht dazu beigetragen, dass solcher Schutz fortan zur Selbstverständlichkeit wurde. Auch die Vermutung, er sei leistungsverbessernd, hatte nicht viel Bewegung ins Thema gebracht. Etabliert hat sich mittlerweile aber das Fachgebiet Sportzahnmedizin, das im Bereich Vorbeugung, Leistung und Schutz von Zahn- und Munderkrankungen wirkt. In der Tat können individualisierte Schienen Leistungseinschränkungen durch Fehlfunktionen von Zähnen und Kiefer entgegenarbeiten. Bei Kontaktsportarten, die besonders verletzungs-riskant sind, kann ein angepasster Mundschutz Stöße abfedern und damit sogar das Risiko für Gehirnerschütterungen reduzieren, er kann Zähne und Kiefer schützen, ebenso Zunge, Lippen und Weichteile: Das bestätigt die wissenschaftliche Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. Die Dachgesellschaft der zahnmedizinischen Wissenschaft in Deutschland empfiehlt daher Sportmundschutz beispielsweise bei Fußball, Handball, Hockey, bei Mountainbiking und Skateboarding. Die Initiative proDente weist dabei auf einen Qualitätsaspekt hin: Richtig guten Schutz bietet vor allem Sportmundschutz, der individualisiert im Dentallabor hergestellt und angepasst wird.
Neuer Gedanke: Gingivagewebe „füllen“
Bei entzündetem Zahnfleisch (Gingivitis) wird das Weichgewebe um den Zahn „poröser“, weil die Infektion die stützende Zellstruktur im Zahnfleisches zerstört. Ist der Prozess erst einmal gestartet, ist er kaum zu stoppen: Die Entzündung kann durch weiches Gewebe leichter wandern als durch festes und straffes. An diesem Punkt setzt eine Arbeit US-amerikanischer Wissenschaftler an: Was wäre also, wenn man das weiche, in seiner Haltestruktur zerstörte Gewebe wieder festigt? Zuerst testeten sie ein Wackelpudding-artiges Gel, das sich in den Mix aus restlichen festen Zellen und schon aufgeweichten Zellen gut einarbeiten ließ. Das Gel verstärkte die Lockerung der Zellstruktur – und die Infektion schritt voran. Das zeigte: Der Gewebezustand ist relevant für das Voranschreiten der Infektion. Wenn dem so ist, dachten die Wissenschaftler, müsste der umgekehrte Weg, das Gewebe fester zu machen, die Entzündungsspirale eigentlich stoppen. In Gewebeproben wurde Enzyme eingearbeitet, die für mehr Steifigkeit sorgten. Sie wurden mit krankmachenden Bakterien zusammengebracht – und in der Tat konnte sich das festere Gewebe besser gegen die bakteriellen Angriffe verteidigen. In weiteren Versuchen und Entwicklungen wird an einem Füllstoff gearbeitet, der die Therapie der Parodontitis verbessern und die Heilung des entzündeten Bereiches fördern könnte.
Periimplantitis: Warum versagen Antibiotika?
Um zu verstehen, warum Antibiotika in manchen Fällen wenig oder gar nicht wirken, muss man sich erst einmal vorstellen, wie sie funktionieren. Die Wirkstoffe müssen zuerst einmal an den Ort kommen, wo der Infekt sitzt. Da die antibiotischen Wirkstoffe über die Blutbahn durch den Körper wandern, ist es zwingend, dass der infizierte Bereich gut an die Blutversorgung angeschlossen ist. Ist das nicht der Fall, ist die antientzündliche Wirkung vor Ort schwer erreichbar. Bei Periimplantitis ist dies so: Die gefährlichen Keime sitzen vor allem auf der rauen Oberfläche des Titan-Implantates, also nicht (oder nur wenig) im durchbluteten Gewebe. Da diese bakteriellen Beläge auf der Implantatoberfläche also weitgehend vor Zerstörung geschützt sind und sich dort zudem ein von Luft fast abgeschlossener Raum befindet, bildet sich nicht selten auch ein besonders resistentes Bakteriengemisch. Hinzu kommt eine neue Erkenntnis einer US-amerikanischen Wissenschaftler-Gruppe: Die Bakterien lösen aus dem Implantat winzige Titan-Partikel heraus, die die Immunabwehr stören. Die Fresszellen (Makrophagen) werden behindert, die Entzündung zu bekämpfen. Das ist gut, damit der Fremdkörper Implantat nicht abgestoßen wird. Das ist ungünstig, wenn kraftvolle Makrophagen gebraucht werden, um die örtliche Entzündung abzubauen und Knochenabbau zu verhindern. In einem Maus-Modell im Labor haben die Forscher einen Weg gefunden, die Makrophagen zu so behandeln, dass sie das Implantat nicht abstoßen, aber den gefährlichen Biofilm bekämpfen. Damit ist ein Weg für weitere Studien geöffnet, die dem Immunsystem mehr Chancen zur Heilung von Periimplantitis eröffnen könnten.
Pulpa: Alter reduziert Regeneration
Wenn Karies den Zahnschmelz zerstört und nicht gebremst oder beseitigt wird, gelangen die Karies-Bakterienkulturen über die von ihnen fortgesetzte Auflösung des Zahnhatzgewebes immer tiefer in das Zahninnere – bis in die Pulpa. Hier liegen der Zahn-Nerv, Blutgefäße und Bindegewebe dicht beieinander. Das ist der Lebensbereich des Zahnes. Wird die die Blutverbindung zum Körper gestoppt, beispielsweise nach einer Entzündung und Gewebezerstörung, stirbt der Zahn ab. Karies muss rechtzeitig entfernt werden, damit die erkrankte Pulpa sich regenerieren kann. Bei gleich zwei Aspekten spielt dabei das Alter der Patienten eine Rolle: In höherem Alter liegt mehr „Zahnbein“ frei, also das weichere und empfindlichere Zahnmaterial, das in jüngeren Jahren von Zahnschmelz und Zahnfleisch abgedeckt und geschützt ist. Das Risiko für eine Wurzelkaries steigt. Ist die Zahnoberfläche schon angegriffen und wandert die Zerstörung bereits in das Zahninnere, kommt hinzu, dass im Alter das Pulpa-Gewebe auch noch schlechter regeneriert. Chinesische Wissenschaftler haben jetzt an einem Mausmodell getestet, woran das liegt. Eine bestimmte Form von Pulpa-Stammzellen, die in jungen Jahren die Neubildung von Zellen voranbringt, verliert im Laufe der Jahre ihre Kraft für diese Aufgabe. Im Labor-Versuch an den Mäusen zeigte sich, dass dem entgegengewirkt werden könnte: Spezifische Wirkstoffe konnten die Kraft der Stammzellen und die Regeneration der Pulpa verbessern. Ein spannender Gedanke, der allerdings noch in vertiefenden weiteren Studien überdacht und hinsichtlich Praxistauglichkeit geprüft werden muss.
Periimplantitis: Adipositas als Risiko
Noch immer fällt es vielen Menschen schwer, Adipositas nicht nur als unerfreulichen Zustand zu sehen, sondern als Erkrankung, die einer Behandlung bedarf. Dabei zeigt eine Vielzahl an Studien, welchen Einfluss das Übergewicht auf den ganzen Körper hat: Das Fettgewebe wird längst als eine Art Körper-Organ verstanden, das nach eigenen Regeln funktioniert und mit dem Körper über unterschiedliche Stoffwechselprozesse interagiert. Zu den gefährlichsten Folgen dieses „Fettgewebe-Organs“ gehört die Infektion des Körpers mit entzündungsfördernden Stoffen. Viele adipöse Menschen leben insofern mit einer niedrig-gradigen Dauerentzündung, die die Leistungskraft des Immunsystems reduziert. Am Beispiel der Periimplantitis hat das ein US-Forscher-Team gerade eindrücklich aufgezeigt: Über 300 Patientinnen und Patienten mit frisch eingesetzten Zahnimplantaten wurden fünf Jahre lang mit Nachuntersuchungen begleitet, um zu sehen, wer von ihnen in diesem Zeitraum eine Periimplantitis entwickelt, also eine Entzündung des Zahnbettes rund um das Implantat. Das Ergebnis war mehr als eindeutig: Implantat-Patienten mit Adipositas (andere Belastungen wurden ausgeschlossen) hatten ein um über 50 Prozent erhöhtes Risiko für eine bakterielle Infektion des Gewebes rund um das Implantat. Bei Zahn-Implantationen sollten, so die Wissenschaftler, adipöse Patienten im Vorfeld einer Implantat-Behandlung entsprechend aufgeklärt und nach der Implantation intensiver in präventive Maßnahmen einbezogen werden.
Kieferorthopädie: Probleme mit Energy-Drinks
Bei Jugendlichen kommen nicht selten zwei Probleme zusammen: Einerseits wird über verschiedene kieferorthopädische Apparaturen das noch junge bleibende Gebiss ist eine gesunde Funktion gebracht, andererseits sehen sich viele junge Menschen angeblichen Erwartungshaltungen an Fitness, Coolness und Akzeptanz gegenüber. Auch das Marketing beispielsweise von Energy-Drinks zielt genau auf diese Schwachstelle. Der hohe Gehalt an Zucker und Säuren ist bekanntermaßen zahnschmelz-schädigend. Tragen die Jugendlichen eine festsitzende kieferorthopädische Apparatur, wie beispielsweise Brackets, wird die Kombination herausfordernd, denn die sorgfältige Zahnreinigung ist ohnehin erschwert: Bakterielle Beläge finden bei den aufgeklebten Halterungen viele Nischen. Wenn die versteckten Bakterienkulturen dann noch mit zuckrigen Getränken „gefüttert“ werden und die Getränke-Säure den Zahnschmelz aufraut, sind Zahnschäden nicht verwunderlich. Zuckerfreie Varianten machen die Lage nicht besser: Auch hier gibt es neben dem hohen Säuregehalt Auswirkungen auf die Plaque und ihre bakterielle Zusammensetzung. Im ungünstigen Ergebnis sind nach einer Bracket-Therapie die Zähne am richtigen Platz – zeigen aber Schmelzschäden wie beispielsweise White Spots oder haben Behandlungsbedarf aufgrund von Karies. Eine Wissenschaftlergruppe stellte sich daher die Frage, ob die Art der Brackets vielleicht Einfluss auf den Erhalt der Mundgesundheit hat, wenn sich der Konsum von zahnschädigenden Getränken nicht stoppen lässt. Im Ergebnis zeigte sich deutlich, dass „innen“ statt auf den Zahnaußenflächen verklebte Brackets Zahnschäden besser vermeiden helfen. Grund ist vermutlich die Zunge, die die Reinigung verbessert, sowie der intensivere Kontakt mit Speichel. Zudem scheint der Zahnschmelz auf der innen liegenden Seite der Zähne resistenter zu sein.
Keine Frage: Mit einem entzündeten Zahnbett (Parodontitis) oder schmerzender Karies ist ein sportlicher Sieg über gesunde Mitbewerber schwer vorstellbar. Mundgesundheit wird bei sportlichen Checkups aber immer noch eher am Rande mitbetrachtet, zeigt eine aktuelle Sportgesundheitsstudie. Diese verglich die Zahn-, Mund- und Kiefersituation bei Sportlern zweier populärer Sportarten, Fußball und Eishockey, und hier ausschließlich bei Männern. Dabei ging es einerseits um die Gesamtsituation im Mund sowie das mundgesundheitliche Vorsorgeverhalten und andererseits um die Kraft in den Händen sowie die Fähigkeit, das Gleichgewicht kontrollieren zu können. Im Ergebnis lagen die Fußballspieler vorn bei der Mundgesundheit, die Eishockeyspieler eher bei der Körperkontrolle. Beide Sportlergruppen zeigten aber hinsichtlich ihrer Mundgesundheit Luft nach oben – und belegten damit den geforderten Optimierungsbedarf bei Gesundheitsuntersuchungen im Profisport. Orale Erkrankungen und deren deutlicher Faktor für Leistungsminderung könne sich der Spitzensport nicht leisten, so die Wissenschaftler, es sei dringlich, einheitliche Standards für die Mundgesundheitsvorsorge beim Profisport festzulegen.
Vorsorgeangebote: soziale Faktoren
Vorbeugen ist besser als Heilen, heißt es im Volksmund. Manche sagen auch: ist besser als Bohren. In der Tat weisen unzählbare Studien darauf hin, dass regelmäßige Zahnvorsorgetermine einen starken förderlichen Effekt auf anhaltende Mundgesundheit haben. Schon früh können Fehlentwicklungen entdeckt und weitere ungünstige Situationen verhindert werden. Jedenfalls, wenn man die in unserem Land kostenlosen Vorsorgetermine auch wahrnimmt. Nicht nur in Deutschland gibt es aber eine Gruppe an Menschen und Familien, die solche Angebote nicht nutzt – weder sie selbst für ihre eigene Gesundheit noch Zahnvorsorge-Angebote für ihre Kinder. Britische Forscher haben sich genau diese Gruppe in sozial- und wirtschaftlich schwierigen Umständen genauer angeschaut, vor allem daraufhin, wann es beginnt, dass Vorsorgeangebote nicht angenommen werden, und wie sich dieses Verhalten entwickelt. Die Daten von rund 4000 Jugendlichen einerseits und jungen Erwachsenen andererseits zeigten die große Rolle frühzeitiger sozialer Benachteiligung und eine geringe Wertigkeit der Mundgesundheit. Die in der Studie untersuchten Jugendlichen nahmen in einem erheblichen Maße die (in diesem Alter auch in Großbritannien) kostenlosen Vorsorgetermine nicht wahr und nutzten auch im Erwachsenenalter die Vorsorgeangebote deutlich seltener als die Vergleichsgruppe. Die Rahmenbedingungen belegen, dass die Nicht-Inanspruchnahme nicht auf Kosten für die Untersuchungen zurückzuführen sind, sondern andere Lebensumstände als ausschlaggebend erachtet werden müssen.
Immunsystem: Lernen über den Mund
Kleine Kinder lieben es, sich nicht nur den Daumen in den Mund zu stecken, sondern alles, was irgendwie greifbar ist. Das allein ist schon eine Botschaft an die Eltern und anderen Erwachsenen: So etwas muss einen Sinn haben. In der Tat entwickelt sich das Immunsystem über solche oralen Erfahrungen weiter, zeigt eine neue Untersuchung einer Jerusalemer Wissenschaftler-Gruppe. Während sich nach der Geburt Schutz-Gewebe wie Schleimhäute oder andere biologische Barrieren entwickeln, erlebt das Immunsystem verschiedenste Kontakte und unterscheidet zunehmend, welche Keime oder Stoffe für den Körper riskant sind und welche weniger bis gar nicht. So ganz unerfahren kommt das Immunsystem aber nicht auf die Welt: Es bringt schon – sowohl über Muttermilch als auch über den „Mutterkuchen“, die Plazenta – die Erfahrungen mit, die das Immunsystem der Mutter gemacht hat. Kinder, die wenig oder gar nicht gestillt wurden, erhielten daher auch kaum Antikörper. Im Effekt hatten sie mehr Entzündungen im Mund, da die Regulierung der bakteriellen Belastung über das Immunsystem nicht ausreichte. Diese Neigung zu Entzündungen im Mund zeigte sich auch im Erwachsenenalter: Die Anfälligkeit für Zahnbettentzündungen (Parodontitis) und das Ausmaß an Kieferknochen-Verlust war bei diesen Erwachsenen höher als bei Vergleichsgruppen.
Umwelt und Zähne: Was speichert der Körper?
Milchzähne sind nie ganz fertig: Sie werden vor der Geburt angelegt, sind weicher und nicht so stark von hartem Schmelz geschützt, und deshalb können sie Stoffe auch leichter aufnehmen. In der vorgeburtlichen Zeit beispielsweise Schadstoffe aus dem Körper der Mutter, danach aus der Umwelt. Eine Wissenschaftlergruppe hat sich kürzlich die Schadstoffbelastung von Milchzähnen als Thema gestellt und ausgefallene oder gezogene Milchzähne analysiert. Besonders interessierte dabei, welche giftigen Metalle von den Zähnen aufgenommen und im Zahn behalten wurden. Daran kann man auch ablesen, welchen Schwermetallen das Kind in der Zeit seines vor- und nachgeburtlichen Wachstums ausgesetzt war. Ein „biologisches Umwelt-Protokoll“ nannten die Forscher die Milchzähne. Nicht unerwartet fanden sich bei Kindern, die im Umfeld umweltbelastender Produktionsstätten lebten, höhere Schwermetall-Konzentrationen, nicht zuletzt Blei, als bei Vergleichskindern. Manchmal war die „Umwelt“ aber auch die eigene Familie: War beispielsweise der Vater starker Raucher, fand sich mehr Blei in den Milchzähnen der Kinder. Im Ergebnis wollten die Forscher noch sehen, ob die Milchzahn-Belastungen mit einer Häufung von Erkrankungen im Zusammenhang stehen könnten. Während Schwermetallbelastung und gesamtkörperliche Folgen weitgehend nicht nachweislich kausal waren, erwies sich ein zu geringer Mangan-Wert, ein sogenanntes „Übergangsmetall“ wie Eisen oder Silber, als herausfordernd: Mangan ist ein essentielles Spurenelement und wichtig für Stoffwechsel und Gehirnfunktion. Die gefundenen niedrigen Werte zeigten bei den Kindern Sprachauffälligkeiten, Reizbarkeit, Müdigkeit, neurologische Störungen und ein geschwächtes Gedächtnis, auch Knochenwachstums-Störungen werden auf Mangan-Mangel zurückgeführt. Mangan-Mangel entsteht zumeist durch ungesunde, beispielsweise stark zucker- und weißmehlhaltige Ernährung.










